Live Blogpost & Q&A zum Webinar mit Philipp Seipp: Gemeinsam stark – Der Dialog als Keimzelle des Trainingsprozesses

Wir haben bereits drei interessante Mittwochabende mit Philipp Seipp verbracht – heute geniessen wir den (vorerst) letzten. Philipp gibt uns als Abschluss seiner vierteiligen Webinar-Serie mit auf dem Weg, wie Coaches und Athlet*innen ihre Kommunikation verbessern können, um gemeinsam grössere Erfolge feiern zu können.

*Der Inhalt wurde während des Webinars live mitgeschrieben – Textfragmente und Rechtschreibfehler im Artikel vorenthalten.

Das heutige Thema ist sehr persönlich, weil es Philipps Weg zum Trainer war. Er wird teilen, was ihm neben den trainingswissenschaftlichen Inhalten Halt gegeben haben und zur Qualität der Athleten und zum Trainingserfolg beitragen. Wie kam es dazu, dass Philipp überhaupt Trainer wurde und was verlangt dieser Schritt? Gehen wir mit auf die Reise – mit einem Abstecher in Philipps Biografie. Philipp hat mit vielfältigem Eigensport-Treiben nach dem Abitur angefangen. Die Bandbreite reichte von Ballspot, MTB, Ski, Triathlon, Hockey, Leichtathletik und weitere. Neben dem eigenen Sport-Treiben hat er sich früh damit beschäftigt, andere anzuleiten, obwohl er dies nicht gekonnt und nicht reflektiert tat. Nach der Schule und nach dem Zivildienst ging’s ins Studium in Marburg. Dieses hat ihn mit vielen interessanten Sachen in Verbindung gebracht – vor allem waren sie weg von den klassischen Norm der Sportwissenschaften. Das Studium hat Philipp in Heidelberg dann abgeschlossen. Ihr wisst aus dem ersten Webinar, dass Philipp Gymnasiallehrer für Deutsch und Sport war. Das Gymnasium fiel positiv auf, weil es einen Noten freien Raum in den Klassen 5 bis 8 gab. Das brachte Philipp mit vielen Dingen in Kontakt, die noch heute Teil seines Trainerdaseins sind. Sehr früh während dem Studium kam Philipp dank seiner Tätigkeit an der Blindenstudienanstalt und der Hiwi-Tätigkeit am OSP und in der Sportmedizin in Heidelberg in Kontakt mit Menschen, die sehr hochklassig Sport trieben. Er hat am Sozialpädriatischen Zentrum im Frankfurt am Main und in der Behindertenbetreuung gearbeitet, und durfte dort Erfahrungen sammeln, die er heute als Herzstück seiner Trainertätigkeit verstehe neben allem Fachlichen. Erst darüber hat er nach dem Referendariat schrittweise den Weg in den Trainerbereich im Nachwuchsfussball und später im Triathlon mit Laura gefunden. Heute ist er vornehmlich im Triathlon unterwegs und hier eine grosse Nummer 🙂

Sehr früh ist Philipp im Studium mit dem dialogischen Bewegungskonzept der beiden „Väter“ Gordijn und Tamboer in Kontakt gekommen. Es beruht auf der Idee der Welterfahrung, indem ich sie durch Sport befrage. Dann ist er im Germanistikstudium mit dem dialogischen Prinzip von Martin Buber konfrontiert worden, der ihn geprägt hat. Später traf er auf die Professoren Urs Ruf und Peter Gallin, die sich mit dem Prinzip des dialogischen Lernens an Schulen befasst haben. Seine späteren Arbeitgeber haben sich darüber Gedanken gemacht, wie sie die Persönlichkeitsbildung in die Lehrerbildung integrieren können. Da hat er sich mit der Transaktionsanalyse von Eric Berne beschäftigt. Elemente davon hat er in seine Philosophie integriert. Besonders ans Herz legt Philipp das Buch von Moshé Feldenkrais „Bewusstheit durch Bewegung“, da Bewegungsmuster von ihm dargelegt werden. Trainer können davon sehr viel lernen, indem sie sich in der Eigenpraxis weiter ausbilden und gut in der Vermittlung werden aber es sind auch Zugänge, die anders als die klassischen sind.

In den Fächern Tanzen & Turnen an der Uni war Philipp zum ersten Mal damit konfrontiert, im Sport etwas nicht zu können. Durch diese Erkenntnis hat er empathisch eine Idee entwickeln können, wie Lernen und das Sammeln von Bewegungserfahrung miteinander verknüpft sind. Dort hat er wahrscheinlich am meisten über sich selber und das Sporttreiben gelernt und ist damit weitergekommen. Da einen Zugriff zu finden auf das Ich des Gegenübers war die spannende Verzahnung, mit der er sich beschäftigt hat. Die hat er im dialogischen Prinzip und in der Lehrtätigkeit am Gymnasium gefunden. Darüber möchte Philipp heute sprechen.

Qualität von Beziehung ent-/unterscheidet

Training, das zwar engagiert vorbereitet/geplant und durchgeführt wird, aber insofern über die Bedürfnisse vieler Athleten hinweggeht, als dass das gemachte Angebot nur unzureichend genutzt wird, muss Trainer und Trainierende gleichermassen frustrieren. Ich muss nicht nur eine Staffelung von Einheiten formulieren, sondern ich muss mich um die Vermittlung bewusst kümmern. Der Lehrer sagt beispielsweise in der Schule, dass er das ja bereits erklärt habe. Trotzdem wundert er sich, wenn das Gegenüber es vielleicht noch nicht verstanden hat. Man muss sich deshalb über die Prozesshaftigkeit von Lernen Gedanken machen und wie es beim Athleten ankommt. Das ist dasselbe im Dialog zwischen Athleten und Coaches. Schaut einmal diese zwei Bilder an und empfindet nach, was die Bilder in euch auslösen, um zu schauen, welche Situationen vom „Ich“ ausgehen können.

Habt ihr eure Gedanken notiert? Die Webinarteilnehmenden kommentierten Freude, Erlösung, Dankbarkeit, Motivation, … Es ist ein Moment des Gelingens. Es steht eventuell für etwas, was ich selber erreichen möchte. Solche Bilder stehen als Sinnbild für Erfolge im Sport. Jetzt geht’s weiter mit dem zweiten Bild!

Hier sind Assoziationen von den Teilnehmenden genannt worden wie Komplexität, Anstrengung, Unverständnis, Fachwissen, Theorie, viel zu grosser Berg. Auch verkopft wird genannt. Es sind viele Aspekte, die vom Ich ausgehen in den Prozess reingetragen werden. In diesem Bild haben wir – im Vergleich zum vorangehenden – ein Startpunkt. Ich suche mir einen Weg, um zum Ziel zu kommen. Ich muss mich mit Training beschäftigen, um besser zu werden. Was für Philipp wichtig ist ist, dass beide Bilder die Auseinandersetzung mit dem Ich vom Ich aus benötigen. Die oben genannten Theorien gehen immer vom Ich aus. Das Ich ist zuerst mit sich alleine und hat Wünsche, Bedürfnisse, Gegebenheiten, Empfindungen, Möglichkeiten, Zweifel. Diese Dinge kommen zur Sprache und mit ihnen ist das Ich erst einmal alleine. Wir machen uns auf dem Weg, etwas zu schaffen, das nicht selbstverständlich ist. Das kann eine virtuose Leistung in egal welchem Bereich sein, die ich bewundere und nicht nachfühlen kann. Im Sport habe ich mehr Schlüssel, jemanden als Trainer zu begleiten. Darum ist die Frage, wie ich als Trainer mit dem Ich, das mir begegnet und vielleicht eine Illusion von etwas hat, damit sensibel umgehe und wie schaffe ich es, das Maximum herauszuholen auf der Ebene der Motivation / Persönlichkeitsbildung. Man kann dem Ich mit dem Du begegnen mit einer Grundoffenheit. Philipp möchte alle ermutigen, dem Ich mit dem Du zu begegnen, um den Prozess zu begleiten. Wie gesagt gehört dazu die Offenheit gegenüber allen Teilen der Sache, beispielsweise Weltmeister zu werden, und das auch anzunehmen. Das ist nämlich das, was ihn antreibt und ihn mit dem Potenzial versieht, diesen langen Weg zu gehen. Das kann super Komplex sein. Der Weg ist der Treiber. Darum sollte der Weg gemeinsam gestaltet werden, im Kontakt mit dem Gegenüber. Darum muss ich als Coach das Gegenüber mit spannendem Potenzial in Kontakt bringen. Ich muss mir überlegen, wie ich ihn in der Grundstruktur dorthin entwickle, damit er in die Lage versetzt wird, sein Potenzial abzurufen. Das kann ein Hinweis auf seine Lebensgewohnheiten sein, oder die Entwicklung einer Vision bzw. eines konkreten Wegs sein, den ich mit dem Athleten mache. Es ist ein Kernpunkt, dem Athleten eine diversifizierte und positive Rückmeldung zu geben; wie hat er das Training durchgeführt. Ich möchte die Dinge, die gelingen, sollen verstärken und diejenigen, die nicht gelingen, auch entsprechend rückmelden. Damit stosse ich ein Prozess der Höherentwicklung an. Der Dialog, der daraus entsteht, ist die Keimzelle des Trainingsprozesses. Wenn ich aus dem Einzelnen Schritt für Schritt eine Ordnung erkennen kann, dann kann ich ihn weiterentwickeln und mich der Vision nach und nach nähern. Schaut im ersten Webinar, welche Rolle der Coach im Ordnungsschaffen hat. Der Dialog hat sich Philipp als einzig mögliche Variante erschlossen, um als Trainer auch eine analytische Rolle einzunehmen. Das Miteinander im Dialog sein ist die Triebfeder, im Prozess jederzeit wieder darauf zuzugreifen. Eine Beziehung, die ich in einer positiven Atmosphäre im Dialog aufgebaut habe, ist in der Lage, auch in Spannungszeiten, wie bei einer Verletzung oder ein Verharren in einem motorischen Muster, zu überleben. So kann ich Konfliktstürme gut überstehen um das Maximum zu erreichen. Dazu gehört neben den physischen Parametern auch die Persönlichkeitsentwicklung. In diesem Dialog entsteht aus dem Ich und dem Du das WIR. Das ist das Gefühl des Gelingens, von mir und meinen Athleten zusammen. Darin werden verschiedene Dingen inkludiert – auch in Misserfolgen – liegen die Chancen des Dialogs.

Konkrete Umsetzungen

Weiterentwicklung bedarf immer eines Reizes, jedoch niemals eines Abbruchs. Das ist die höchste Können-Stufe der Trainer, um eine steile Lernkurve über einen möglichst langen Zeitraum aufrecht zu erhalten. Ich mache das Gebilde Athlet*in – Coach antifragil. Dadurch könne die Athleten über sich hinauswachsen. Philipp hat auch zusätzliche Werkzeuge wie das LimbicTyping. Mit dem können sich Athleten beispielsweise selber einschätzen und gemeinsam mit Philipp besprechen, welche Aspekte abseits des Trainings mittragend sind und wo sie sich in der Persönlichkeitsbildung weiterentwickeln möchten, um gefestigt zu sein (was bewegt dich? was bewegt die Welt? wie bewegen wir uns darin gemeinsam?). Philipp unterstütz seine (vor allem Pro) Athleten aber auch darin, ein Unternehmerprofil zu entwickeln.

Q&A

Wie siehst Du die schlechter-werdende Qualität im Jugendtraining durch fehlende Ausbildung?

Philipp hat den Eindruck, dass es mehr Schwierigkeiten gibt, in den Vereinen qualifiziertes Personal zu haben. Es gibt wenige Menschen, die sich in Vereinen ehrenamtlich beteiligen möchten. Bei den Jugendlichen müssen starke Persönlichkeiten entwickelt werden – das ist ein wichtiger Teil, wie Jugendtraining zum Erfolg führen kann.

Woran machst du fest, wie steil du die Reizkurve setzen kannst? Inwiefern nutzt du hierfür das Feedback der Athleten?

In Bezug auf die Reizkurve liegt viel im Gefühl des Trainers und er spricht sie auch in Einzelgesprächen darauf an. Er ist auch auf die Rückmeldung der Athleten angewiesen. Er beobachtet aber auch, wie beispielsweise motorische Veränderungen einschlagen. Er fragt auch, was der Athlet dabei wahrnimmt und kann so auf die Bedürfnisse der Athleten reagieren und auch Angebote machen, um den Entwicklungsschritt auszulösen. Er kann so auch steuern, ob ein Schritt zurückgegangen wird, um den Erfolg herbeizuführen.

Wie siehst du die Trainingsstreuung durch künstliche Intelligenz? Ergänzung des Trainerdaseins oder Ersatz? Hast du da schon Einblicke?

KI wird vieles erleichtern können. Mit der technischen Unterstützung kann ich mich auf ein detailliertes Feedback konzentrieren und auch auf die Persönlichkeitsentwicklung eingehen. Technische Sachen kann ich der Technologie übergeben und darauf eingehen, wo meine Person gefordert ist. Wichtig ist, welche Infos ich der KI hinzuführen kann und welche Entscheidungen KI trifft. Sie ergänzt, ersetzt aber nicht.

Wie siehst du den Dialog und den Aufbau des Vertrauens mit „online“-Athleten?

Es geht um die Haltung dazu. Reine Onlineathleten sind schwierig, weshalb eine Art Hybridmodell gefragt ist. Ausbildungsstrukturen sollten miteinander interagieren, beispielsweise online einen Plan zur Verfügung stellen und in Workshops Inhalte persönlich weitergeben. So komme ich auch in einen Dialog.

Wie kann man sich die Ausbildung bei euch bzw. Kick Ass Sports vorstellen? Welche Voraussetzungen benötigt man für eure Ausbildung?

Die Voraussetzung ist, Bock darauf zu haben und Lust am Sport mitzubringen. Die Ausbildung fusst beispielsweise auf Tutorials, es gibt auch Einzelgespräche mit Trainer. Wir stellen auch Videos mit Schritt für Schritt Tutorials zur Verfügung. So entwickelt man sich zu einem Athleten, der besser ausgebildet ist.

Wie stehst du dazu ehemalige / aktive Sportler im Jugendtraining einzusetzen, welche keine Trainerausbildung / keinen Trainerschein haben? Findest du einen Trainerschein wichtig?

Ausbildung ist wichtig. Der Rollentausch von Athlet zu Trainer muss reflektiert sein. Es scheint, dass erfolgreiches Sporttreiben dazu befähig, ein Coach zu sein – hier setzt Philipp ein grosses Fragezeichen. Wünschenswert ist darum viel Ausbildung und viel Reflektion, um weiterzukommen. Auch Philipp macht das.

Dein „Werkzeugkasten“, wie Du es nennst, ist ja über die Jahre gut gefüllt. Du hast natürlich eine Athletin 24/7 um dich herum welche dir mit Sicherheit sehr gute Feedbacks gibt. Das heisst, die Vertrauensbasis ist sehr hoch. Diese Beziehung strahlt auch auf das Vertauen des restlichen Teams aus. Wann ist aber eine solche persönliche Beziehung erschöpft, da du es dir nicht mehr leisten kannst, und dein Athlet einer von vielen wird?

Einer von vielen ist kein Problem. Laura ist auch Philipps schärfste Kritikerin. Es warten weiterhin grosse Challenges, um weiterzukommen. Die Grundstruktur, die Haltung wie du anderen Menschen begegnest und wie du ihnen Feedback gibst, das sind Dinge, die im Dialog klar strukturiert sind. Dass du dein Gegenüber abholst, ihn fragst, wie er sich fühlt und auch mit dem positiven Feedback anfängst.

Athletiktraining, für die meisten eine der wichtigsten Einheiten. Jedoch wird diese erfahrungsgemäss immer als Erstes ausgelassen. Wie machst du deinen Athleten klar, dass diese Einheit nicht ausgelassen werden soll? Ist es unter umständen sinnvoll, einen oder mehrer konzentrierte Athletikblöcke einzubauen, um das auszugleichen?

Block-Periodisierung gerne, wenn man das machen möchte. Bei Athletik glaubt Philipp, dass es nicht lange hält. Hier schafft der Dialog auch wieder Verständnis. Man könnte beispielsweise mit einer Wärmebildkamera zeigen, dass man mit Athletik an beispielsweise stabilere Hüften arbeiten kann.

Wie oft und wann versuchst du Athleten motorisch etwas Neues beizubringen (vor allem im Bezug auf Triathlon)?

Jeden Tag. Das ist ein völlig unterbelichtetes Thema im Triathlon, weil jeder fokussiert ist, Ausdauerleistungsfähigkeit auszubauen. In den Bewegungsabläufen kann dabei viel Potenzial rausgeholt werden. Diese Dinge im Training zum Inhalt zu machen ist darum wichtig. Es lassen sich damit auch viele Aufgaben verbinden und Flexibilität bei einem Athleten erzeugen.

Entscheidest Du als Trainer auch über sinnvolles Sponsoring oder siehst du die Glaubwürdigkeit als Aussenwirkung der Athleten nicht so hoch an. Z. B. Für eine Nahrungsergänzung werben und dabei nicht dahinter stehen bzw. nicht selber benutzen.

In diesem Fall muss der Athlet eine eigene Wirtschaftlichkeit erreichen. Perspektivisch ist es anzuraten, für Sponsoren ein Athleten-Profil zu erstellen. Natürlich ergeben sich auch Sachzwänge, um schlichtweg Geld zu verdienen.

Hast du die vergangenen Webinare mit Philipp verpasst?

Kein Problem. Wir haben für dich die wichtigsten Erkenntnisse in Blogposts zusammengefasst und auch gleich die Aufzeichnung reingepackt: