Saisonpause – Gespräch mit Melanie Maurer

Siegerin am Powerman Greece und Powerman Tramelan, sieben Siege bei neun Starts an Rennen der Swiss Duathlon Serie, Vize-Europameisterin Mitteldistanz, Vize-Weltmeisterin Langdistanz, Siegerin Schaffhauser Triathlon, 3. Rang Swissalpine Davos K43 und zweifache Schweizermeisterin Duathlon 2019 (Kurz- und Mitteldistanz). Melanie Maurer – Athletin. Diese Wettkampfteilnahmen und ihren Lebensunterhalt finanziert sich die Spitzensportlerin primär mit ihrem 40%-Job als Sporttherapeutin. Primär aus Leidenschaft, dank der grossen Nachfrage, aber auch um weitere finanzielle Einnahmen zu generieren, professionalisierte Melanie Maurer per Jahresbeginn ihr Coachingangebot steadystate.ch. Aufgrund dessen, dass dieses sehr erfolgreich anlief und die Anfragen weiterhin fleissig eintreffen, wird sie dieses bald weiter ausbauen. Mit wem könnte man sich besser über Sinn und Zweck einer Saisonpause unterhalten!? Wir haben Melanie Maurer getroffen – Antworten und Gedanken aus Sicht der Spitzensportlerin, Trainerin, Sportwissenschaftlerin, Sporttherapeutin, Arbeitnehmenden, Privatperson, …

Melanie, deine letzte Arbeitswoche steht an, bevor du für zwei Wochen in die Ferien verreisen wirst. Optimale Gelegenheit, um uns mit dir über die Saisonpause zu unterhalten.

Im Laufe der Saison dominieren die Konzentration und Fokussierung auf die sportlichen Ziele. Was sind bei dir persönlich körperliche Anzeichen, dass eine Saisonpause angesagt ist?

Da gibt es bei mir immer mehrere Anzeichen. Als Erstes machen sich bei mir Momente unmittelbar vor strengen Einheiten bemerkbar, in welchen die Motivation nicht mehr bei 150, sondern wohl eher gegen 90% ist. 😉 Da kann es dann schon die eine oder andere Minute länger dauern, bis ich die Laufschuhe geschnürt habe und bereit bin, in einem Intervalltraining zu leiden. Gegen Ende dieser Saison, welche bei mir dieses Jahr extrem lang ausfiel, merkte ich in der Auswertung meiner Trainingsdaten, dass mein Maximalpuls etwas tiefer lag als noch zu Beginn der Saison – ebenfalls ein deutliches Zeichen dafür, dass der Körper eine Trainings- und Wettkampfpause dankend annehmen wird. Da lohnt es sich wirklich, gut auf den eigenen Körper zu hören und die Signale zu respektieren.

In deiner beruflichen Tätigkeit, mit welchen «Leiden» kommen SportlerInnen vorbei, anhand welchen du erkennst, dass das Belastungs-Erholungs-Verhältnis nicht gestimmt haben kann?

Das ist sehr unterschiedlich. Ich plaudere jetzt einmal aus dem Nähkästchen, natürlich anonym. 😉

Ich habe es schon erlebt, dass jemand zu mir kam mit der Absicht, von mir gecoacht zu werden. Als er mir dann erzählte, dass er einen 100%-Job, 2 Kinder und einen Trainingsplan hat, welcher 20h und mehr fasst, habe ich erstmal nicht so schlecht gestaunt. Trainings bis 23:00 Uhr abends, um dann um 4:30 Uhr wieder aufzustehen für die nächste Einheit, welche ja vor der Arbeit in der Tasche sein muss, waren bei ihm an der Tagesordnung. Ruhetage kannte er nur vom Hörensagen und dass eine Trainingsplanung im besten Fall periodisiert sein sollte und man dadurch mal mehr, mal weniger trainiert, wusste er schlichtweg nicht. Er kam zu mir mit der Aussage, dass sich an seinem Training wohl „schon noch was optimieren liesse“ und er Mühe hätte, alles unter einen Hut zu bringen. Seither trainiert er noch höchstens zwei Drittel des vorherigen Umfangs und ist deutlich schneller und auch zufriedener mit seiner gesamten Lebenssituation, weil er jetzt auch mehr Zeit für seine Familie hat.

Allgemeine Zeichen für zu viel Training oder gar ein Übertraining können eine stagnierende oder sogar abfallende Leistung, eine langsame Regeneration, eine hohe Infektanfälligkeit, Schlafstörungen und stetige Müdigkeit, aber auch Stimmungsschwankungen bis hin zu Depression sein. Treten solche Zeichen auf, ist es höchste Zeit, seinem Körper die nötige Ruhe zu geben.

Einer von vielen Erfolgen in der Saison 2019.

Deine Arbeit als Sporttherapeutin und Trainerin erfolgt während der Saison zusätzlich zur körperlichen Belastung. Wie sieht dein Arbeitspensum in deiner sportlichen Saisonpause aus?

In meiner Saisonpause arbeite ich Vollzeit und manchmal ein wenig mehr. 😉 Einerseits habe ich dann Zeit, um „Geld reinzuholen“, andererseits tut es auch gut, für eine gewisse Zeit aus dieser „Sportlerwelt“ auszusteigen und zu sehen, dass ein entschleunigtes Leben, in welchem für eine gewisse Zeit nicht mehr alles Schlag auf Schlag läuft, auch ganz toll sein kann.

Spürst du also gegen Ende Saison den Bedarf in einigen freien Tagen auch dem Kopf die Möglichkeit zur Erholung zu bieten?

Ja! Ich empfinde es als befreiend, wenn ich an einem freien Tag neue Dinge entdecke; ein Buch lesen oder in der Natur sein kann, viel Zeit für meine zu Freunde haben, oder einfach einen Abend vor dem Fernseher verbringen kann.

Auch als Trainerin ist Melanie Maurer (Mitte) mit steadystate.ch professionell tätig. Hier mit zwei ihrer äusserst zufriedenen AthletInnen.

Woran erkennst du bei deinen AthletInnen, welche du mit steadystate.ch erfolgreich betreust, dass eine Pause an der Reihe ist?

Hier ist für mich der permanente Austausch zwischen meinen AthletInnen und mir von zentraler Bedeutung. Es ist wichtig für mich zu wissen, wenn ein Athlet, eine Athletin müde ist, sich eine Erkältung anbahnt oder bei der Arbeit mehr zu tun ist. Manchmal ist es schlichtweg sinnvoller, auf ein Training zu verzichten, um seinem Körper die nötige Erholung zu gönnen.

Manche Athleten frage ich auch nach dem Ruhepuls und schaue in der Trainingsauswertung auf den Maximalpuls bei Intervalltrainings. Ist der Ruhepuls höher als sonst und/oder fällt der Maximalpuls, ist Vorsicht geboten und eine Pause oft die beste Lösung, um einen Athleten vor schlimmeren Auswirkungen zu bewahren.

Worauf achtest du als Trainerin und Athletin bei der konkreten Gestaltung der Saisonpause?

Mir ist es ein Anliegen, dass die AthletInnen den Körper vorerst wirklich komplett entlasten. Das heisst nicht, dass sie sich nicht mehr bewegen sollen; eine Wanderung in Massen, Spazieren, oder sonst die Natur geniessen ist völlig ok. Das Thema Saisonpause muss aber sehr individuell behandelt werden, da nicht jeder dasselbe mit sich machen lässt 😉

Wenn es nach mir ginge, wäre in den ersten zwei Wochen der Saisonpause Laufen ein No-Go, weil ich finde, dass sich vor allem die passiven Strukturen des Körpers (Sehnen, Bänder, Knochen, Gelenke) in dieser Zeit erholen sollten, und das geht meiner Meinung nach am besten ohne die Schläge, welche beim Laufen auf den Körper einwirken. Schlussendlich bleibt dies aber eine dringende Empfehlung meinerseits – nicht jeder will eine zweiwöchige Laufpause umsetzen. In einer zweiten Phase darf der Athlet dann selber entscheiden, worauf er/sie Lust hat, solange die Trainings nicht zu intensiv sind. Danach folgen wieder geplante Trainings, jedoch wird auch der erste Teil der Aufbauphase locker angegangen, so, dass sich die Athleten wieder an die Belastung gewöhnen können.

Aus deiner Sicht, was kann ein/e Sportler/in bereits während der Saison unternehmen, um sich nicht völlig ausgelaugt in die Saisonpause retten zu müssen?

Gezielt Ruhetage einsetzen, an welchen weder gelaufen, geschwommen oder Rad gefahren wird. Und auf den eigenen Körper hören und seine Zeichen respektieren. Dazu gehört auch, ehrlich zu sich selber sein zu können. Und eventuell hat der Partner/die Partnerin, oder der Trainingskollege nicht Unrecht, wenn er beiläufig erwähnt, dass Du vielleicht mal einen Gang zurückschalten solltest. 😉

Melanie, wir bedanken uns vielmal, dass du dir Zeit für dieses Gespräch genommen hast und wünschen dir ganz schöne und erholsame Ferien! Wohlverdient sind sie allemal!