Sport bei Hitze: Ein Einblick in die Forschung

Severin Trösch ist Sportwissenschaftler und arbeitet zurzeit in der Abteilung Leistungsphysiologie Ausdauer an der Eidgenössischen Hochschule für Sport Magglingen (EHSM). Innerhalb dieser Abteilung ist er Verantwortlicher für die Sportart Triathlon sowie abteilungsübergreifend an der EHSM als auch für Swiss Olympic Ansprechperson zum Thema Hitze. Hier gewährt er einen kleinen Einblick in seinen Tätigkeitsbereich.

Hallo Severin, mit welchen Themen beschäftigst du dich im Zusammenhang Sport und Hitze?

Grundsätzlich gibt es im Zusammenhang mit Hitze zwei Varianten, in welchen Handlungen vorgenommen werden können. Einerseits ist dies die Akklimatisation, andererseits das Cooling. Ich beschäftige mich mit der optimalen Anwendung dieser zwei Bereiche bei konkreten Sportarten auf die jeweiligen Wettkämpfe. Das Ziel ist die optimale Anwendung der wissenschaftlichen Befunde auf die jeweiligen spezifischen Anforderungen verschiedener Disziplinen und Wettkampfarten.

Wer profitiert von deiner Arbeit?

Primär Verbände. Allerdings ist diese Zwischenstation eher politischer Natur und werden via die Verbände Coaches und Athleten adressiert. Wir zielen darauf ab, mit unserer Arbeit mit den Athleten letztendlich eine möglichst gute Anwendung zu erreichen.

Es kommt aber auch vor, dass sich Coaches oder Athleten direkt bei mir melden. In diesen Fällen beschäftigt sie oft eine spezifische Frage. Dies kann beispielsweise sein, ob eine Anreise zu einem Wettkampf, welcher unter Hitzebedingungen stattfinden wird, am Freitagabend oder doch besser erst am Montagmorgen erfolgen solle. Ich versuche dann in einem ersten Schritt möglichst genau auf die Fragestellung einzugehen und diese in der Folge möglichst praxistauglich aber dennoch mit höchstmöglicher wissenschaftlicher Integrität zu beantworten. Mein Grundsatz ist es, nur Sachen zu empfehlen, welche evidenzbasiert sind, es sei denn, es ist der seltene Fall, dass sehr gute Gründe bestehen davon abzuweichen.

Was nimmst du in deiner Arbeit als Herausforderungen oder gar Hindernisse war?

Da sehe ich zwei primäre Schwierigkeiten:

  • Eine Schwierigkeit ist, dass bestehende Forschungsergebnisse gewisse Limitationen aufweisen. Unter anderem auch dieser Fakt macht es schwierig einen guten Überblick zu erhalten, welches Wissen in einem gewissen Bereich tatsächlich existiert.
  • Die andere Schwierigkeit ist es das bestehende Wissen letztendlich im Wettkampf gewinnbringend anwenden zu können. Nur weil etwas erforscht wurde, heisst es noch lange nicht, dass es in der Praxis umsetzbar ist. Die Diskrepanz der Fragestellungen im Feld zu den wissenschaftlich bearbeiteten Fragestellungen ist zum Teil, respektive gar zu meist, erheblich gross, was die Umsetzung im Feld herausfordernd macht.

Mit dem jährlich stattfindenden Ironman auf Hawaii und den Olympischen Spielen 2020 in Tokio stehen zwei sportliche Grossanlässe in der Agenda, bei welchen die Hitze definitiv Thema sein wird. Was kommt dir dazu in den Sinn?

Tokio 2020:

Für Tokio bin ich direkt in die Vorbereitungen der Schweizer Delegation involviert. In diesem Zusammenhang war ich beispielsweise auch am Triathlon-Testevent vor einigen Wochen in Japan vor Ort. Da erprobten wir einerseits bereits Kühlmassnahmen, andererseits sammelten wir Daten, anhand deren Analyse wir erhoffen gewinnbringende Schlussfolgerungen treffen zu können.

Die Bedingungen in Tokio speziell macht, dass es zusätzlich zur Hitze sehr feucht ist. Diese vergleichsweise hohe Luftfeuchtigkeit macht das Erbringen von sportlicher Leistung zusätzlich schwierig, da eine hohe Luftfeuchtigkeit die Schweissverdunstung unterbindet und die Schweissbildung ihrerseits einen der primären Kühlmechanismen des Körpers darstellt. Einfach ausgedrückt erwarten die AthletInnen in Tokio im kommenden Sommer also erschwerte Hitzebedingungen.

Hawaii ist zwar ähnlich warm wie Tokio, aber nicht so feucht. Dennoch machen neben der Hitze die Länge des Rennens, wehende Winde, usw. den Wettkampf zu einem Leistungsmessen unter extremen Bedingungen. Der oft thematisierte Wind wirkt in meinen Augen jedoch eher auf dem Rad als im Zusammenhang mit der Hitze erschwerend für die AthletInnen.

Welchen Fragestellungen sollte sich die Sportwissenschaft im Zusammenhang mit Hitze deiner Meinung nach in Zukunft widmen?

Das ist eine sehr gute Frage (überlegt lange). Grundsätzlich kann man immer noch alles besser erforschen und noch besser auf die Praxis adaptieren. Meiner Meinung nach ist noch viel Arbeit gefordert, um auf die jeweiligen Disziplinen optimal abgestimmte Handlungsempfehlungen zu haben.

Konkret kommen mir zwei Themenbereich in den Sinn, welche bereits angedacht wurden, die Forschungslage dazu aber noch hoch spekulativ ist und ich persönlich noch sehr skeptisch bin. Ich bin nicht sicher, ob diese im Zusatz zu optimalem Ausdauertraining einen ausschlaggebend leistungssteigernden Effekt bewirken.

  • Zum einen wird in der Literatur spekuliert, dass es einen Zusammenhang von Hitze- und Höhentraining gibt. Diesen beiden Methoden gemein ist, dass sie sich auf das Blut auswirken. Damit besteht per se eine gewisse Interaktion. Es wird nun spekuliert, dass Höhe und Hitze gegenseitig die jeweiligen Effekte verstärken.
  • Zum anderen wird die Hitze als Performancebooster in Nicht-Hitze-Wettkämpfen gehandelt. Man verspricht sich also vom Aufenthalt in der Hitze vor dem Wettkampf einen leistungssteigernden Effekt im Wettkampf, welcher dann unter weniger heissen klimatischen Bedingungen stattfindet.  

Vielen Dank für deine Auskunft Severin und viel Erfolg mit deiner Arbeit.