Werkzeugkasten für die erfolgreiche Arbeit mit Athleten

Philipp Seipp, Profi-Coach, verriet in unserem Webinar vergangene Woche, wie er mit Athleten arbeitet. Nachdem wir am Anlass mit anschliessendem Q&A live bloggten, haben wir Philipps Insights für euch zusammengefasst.

Öffnet euren Denkhorizont

Ihr werdet ein umfassenderes Bild eures Athleten erhalten, wenn ihr zwei Denkstrukturen beherrscht. Ihr wisst ja, je mehr ihr über euren Athleten erfassen könnt, desto spezifischer könnt ihr in eurer Trainingsplanung auf seine Potenziale eingehen. Mit zwei unterschiedlichen Denkstrukturen bringt ihr auf der einen Seite das „auf den Punkt gedachte“ und fällt Entscheidung präziser. Auf der anderen Seite geht es darum, mit der Streuung aus beispielsweise Umweltfaktoren umzugehen.

Konvergentes Denken gibt Struktur und innere Ruhe

Konvergentem Denken ist das Denken, das Daten und/oder Wissen sammelt. Es ist darauf konzentriert, die einzige und am besten fundierte Antwort auf unsere Frage zu finden. Denkt an eure Schulzeit zurück: In den meisten Fächern wurde euch beigebracht, konvergent zu denken um eine einzige Lösung zu finden. Ihr wendet das noch heute in der Arbeit mit euren Athlet*innen an: Ihr analysiert harte und qualitativ hochstehende Fakten wie beispielsweise Laktatwerte oder die Herzfrequenz. Darauf basierend leitet ihr die nächsten Schritte für sie ab. Wenn das Trainingsprogramm beispielsweise vorsieht, dass die Sessions in der kommenden Woche die VO2max trainieren, hat der Athlet/die Athletin die Antwort darauf, wofür er/sie arbeitet. Die Einheiten sind dabei die Verbindung vom Ausgangspunkt der Athlet*innen und dem Ziel, das ihr erreichen möchtet. Der Weg dahin ist linear, die Einheiten fügen sich zusammen wie Bausteine (mehr dazu im Blogbeitrag Sebastian Webers Tipps für effiziente Trainingsprogramme). Die Strukturen können dabei herzlich unspektakulär sein. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass konvergentes Denken erfolglos ist. Ihr als Coach habt den Athlet*innen die Entscheidung abgenommen und er/sie kann sich auf die Arbeit konzentrieren, die VO2max zu verbessern. Ausserdem bildet es die Grundlage jeder Entscheidung. Ihr könnt jedoch die Entscheidungs- und Umsetzungsqualität steigern, wenn ihr divergentes kreatives Denken in eurem Alltag anwendet. Vor allem, weil das Lernen der Athlet*innen (motorisch und in der physiologischen Leistungsfähigkeit) niemals linear ist.

Divergentes Denken erfasst auch zwischenmenschliche Details

Das divergente Denken konzentriert sich darauf, kreative Ideen durch das Ausloten vieler möglicher Lösungen zu schaffen. Die Denkmuster sind typischerweise nicht-linear. Das bedeutet, es werden mehr spontane und unerwartete mentale Verbindungen hergestellt. Spontan bedeutet, dass ihr euch unter Umständen über den Prozess nicht bewusst seid. Das ist gut, denn die Ideen kommen euch auf eine natürliche und schnelle Weise. Um diese Struktur anwenden zu können, tretet ihr einen Schritt von den harten Fakten zurück und bildet euch ein Gesamtbild über die Athlet*innen – auch davon, was um sie herum passiert. Ihr wechselt auf eine empathische Ebene statt auf der analytischen Fokussierung zu verharren. Das erreicht ihr unter anderem, indem ihr in den Dialog mit euren Athlet*innen tretet, sie auch über ihren geistigen Zustand, den Stresspegel oder die subjektive Erschöpfung fragt. Durch diese Wechselbeziehung wird euch auch ein Spiegel vorgehalten, der euch einen zusätzlichen Push gibt, die Leistung (eurer Athleten und euch selber) zu verbessern. Übrigens ist divergentes Denken dem konvergenten vorgelagert. So seid ihr in der Lage, auf kreative Weise eine grosse Anzahl neuer Stossrichtungen zu entwickeln, die euren Athlet*innen zu Gute kommen. Danach könnt ihr aus diesem Pool an Informationen über das konvergente Denken Strategien entwickeln und diejenigen mittels konvergentem Denken wählen, die für das Ziel der Athlet*innen Sinn ergeben.

Bedeutung von divergentem und konvergentem Denken

In der Kombination dieser beiden Denkstrukturen öffnet ihr also den Fächer und trefft vielleicht sogar die Pain-Points, die nicht primär beachtet worden wären, die aber für den Fortschritt der Athlet*innen entscheidend sein können.

Packt euren „Werkzeugkasten“ so schwer wie möglich und schafft eine Win-Win-Situation

Um divergentes und konvergentes Denken anzuwenden, ist es dasselbe, wie wenn ihr eurer Watt-Zahl auf dem Rad erhöhen möchtet: es erfordert Training! Je öfters ihr euch für neue Impulse öffnet, je grösser die Vertrauensbeziehung zwischen euren Athlet*innen und euch ist und je besser ihr aus der Fülle an Informationen Rückschlüsse ziehen könnt, desto stärker steigert ihr die Qualität der Schlüsselfaktoren guten Coachings: diejenige der Information, der Entscheidung und der Umsetzung. Dafür ist Ordnung wichtig. Das mag banal klingen, ist aber der Weg, um Kohärenz zu schaffen. Sie strukturiert den Trainingsplan und beantwortet die Fragen, was heute passiert und was die Athlet*innen morgen trainieren. Schaut ihr die Athlet*innen so umfassend wie möglich an, könnt ihr aus eurer persönlichen Werkzeugkiste ein einzigartiges Programm erstellen, das für sie persönlich funktioniert. Ob es hinhaut, erfahrt ihr übrigens nicht erst im Wettkampf, sondern im Gespräch mit den Athlet*innen. Wenn ihr also mehr fragt als vorschreibt, verbessert das die Beziehung zwischen euren Athlet*innen und euch als Coach. Ihr werdet mit der Zeit automatisch mehr Clues von ihnen erhalten, was euren Werkzeugkasten mit neuen Tools anreichert und was euch schlussendlich in eurer Planungsgestaltung unterstütz, weil ihr mehr Kompetenzen für unterschiedliche Situationen angeeignet habt. So habt ihr nicht nur den Nagel zur Hand, sondern eine Vielzahl anderer Hilfsmittel für die Problemlösung. Die Athlet*innen profitieren aufgrund des intensiven Austauschs von einem besseren Verständnis über eure Empfehlungen und von auf ihn zugeschnittenen Sessions – ihr schafft eine Win-Win-Situation.

Wollt ihr die Tipps in Philipps Worten hören? Dann schaut hier rein: